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Die örtlichen Gemeinschaften > Heimat- und Mundartdichtung

Stand: 14.09.2011

 

 

 



 

Bernhard Kraft (Frankenhausen)

„Der Hans Sachs des Odenwaldes“
(8.8.1848 – 22.2.1936)

Bernhard Kraft aus Frankenhausen ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten im Vorderen Odenwald und als geistvoller Mensch und Komiker bei Dorffesten im Odenwald mit seinen Söhnen gerne gesehen. Er verfaßte eine Reihe von Gedichten, die gewissen Gelegenheiten ihr Entstehen verdanken: den Gestalten und Begebenheiten aus dem Dorfleben, der Einrichtung der Wasserleitung und des elektrischen Lichts usw. Seine Gedichte nannte er einmal seine lieben Kinder.

„Sein freundliches Wesen, seinen Witz und seine blitzenden Augen vergißt keiner, der ihn gesehen hat. ...“ So schreibt Dr. Wendel Mertz im Heimatbuch „Frankenhausen im Odenwald“ (1955, Selbstverlag der Gemeinde) begeistert. In einer ausführlichen Würdigung im Darmstädter Echo befaßt sich Fritz Krämer 1959 in Mundart mit dem Wirken Krafts. Ein Zitat (ins Hochdeutsche übertragen): „Bernhard Kraft war vor fünfzig Jahren für den Odenwald so etwas wie seinerzeit der Hans Sachs für Nürnberg und das ganze Deutsche Reich!“

Noch Fritz Krämer (hochdeutsch): „ Alles was in seiner Lebenszeit Merkwürdigen vorgefallen ist in der Umgebung, hat er in seinen Gedichten festgehalten; und die hat er dann bei passenden Gelegenheiten, Kirchweihen, Hochzeiten und Sedansfeiern, mit viel Temperament und Humor vorgetragen und hat mit seinen Schnurren alt und jung zum Lachen gebracht. Es sind gewiß keine Kunstwerke darunter gewesen, und wer Austern und Kaviar gewöhnt ist, wird nichts damit anfangen können.

Auch einige nachdenkliche Reime hat Bernhard Kraft verfaßt. Zum Beispiel hat er gescheite und tröstende Worte den vielen Menschen in den Gemeinden entlang der Modau gewidmet, die durch den berühmten „Bankenkrach in Nieder-Modau“, den Zusammenbruch des Spar- und Kreditvereins im Jahre 1911 all ihr Hab und Gut verloren hatten.

So manches Zitat aus seinen Arbeiten oder seinen Späßen sind noch immer in der weiten Umgebung Frankenhausens bekannt, zum Beispiel (ins Hochdeutsche transkribiert):

„Morgenstund' hat Gold im Mund – doch die Häfen (Tonkrüge) liegen im Wiesengrund.“

„Wenn wir die paar Kartöffelchen und 's Sauerkraut nicht hätten,
wie woll' man nur in dieser Zeit sein bißchen Leben retten?“

„Wenn man kein Schwein hat, kann man auch nicht schlachten.“

In aller Munde im Mühltal ist der Spottvers auf seine Frankenhäuser Nachbarorte, in dem sich die gehänselten Ortschaften je nach Standort des Sprechers austauschen lassen. Man möge dem Schreiber dieser Zeilen nachsehen, daß er seinen Heimatort bei der nachstehenden Wiedergabe verschont:

„Der Frankenstein ist hochgeborn,
Beerbach ist im Dreck verlorn.
In Traisa ist der Hochmut groß.
In Waschenbach ist der Teufel los.“

Der Neckvers wird im Südhessischen Wörterbuch zitiert, ob aber die dortige Form die authentische ist? In Mundart:

„De Frånkestå is hochgeborn,
Beerwich is im Dreck verlorn,
in Malche is de Hochmut groß,
in Ewerscht is de Deiwel los.“

Der Satz des berühmten Nürnberger Kollegen wurde gerne auf Bernhard Kraft übertragen:

„Bernhard Kraft war ein Schuh-
macher und Poet dazu!“

An seinem Haus im Römerweg gab es vor einigen Jahren wieder eine Gedenktafel zur Erinnerung an den „fidelen Odenwälder“, spendiert seinerzeit von den Frankenhäuser Kerweburschen. Bei einer Fassadenerneuerung wurde die Tafel leider wieder abgenommen.

Zu seinen Lebzeiten hieß es in einem Schriftzug an der Fassade seines Hauses:

„Hier wohnt Bernhard Kraft,
der alt ist und noch schafft.
Er läßt den lieben Herrgott walten,
macht neue Schuh und flickt die alten.

Er ist Dichter und bekannt,
hält Treue seinem Vaterland.
Er macht Späße und ist mit sich eins!
Aber Brüder: Geld hat er keins.“

Bernhard Krafts inzwischen verstorbene Enkelin Ella Schmegel hat vor einigen Jahren die lange vergriffenen 3 knappen Hefte von je 8 Seiten mit einer kleinen Auswahl von Gedichten aus dem Jahre 1924 wieder aufgelegt. Die Hefte tragen den Titel

„Der fidele Odenwälder“
und in einem Untertitel Krafts Wahlspruch „Wie's wird so wird's“.

und können bei Urenkelin
Christel Baumann, Frankenhöhe 5, Rufnr. 06167 263
zum Preis von zusammen 7,50 € zzgl. evtl. Versandkosten erworben werden.
Mit ihrer Genehmigung folgen zwei von Krafts bekannten Mundartgedichten:

 

Text:
Volker Teutschländer





Bernhard Kraft und Frau in den 1920er Jahren





Das Heim der Familie Kraft
in Frankenhausen, Ecke Zeilstraße / Römerweg:
Bernhard Kraft im mittleren Erdgeschoß-Fenster.
Unter dem Doppelfenster des Obergeschosses die bekannte Schrift „Hier wohnt Bernhard- Kraft . . .“
(Der weiße vertikale Streifen ist eine Störung im Ur-Bild)






Titel seiner drei Druckschriften aus dem Jahre 1924:

„Der fidele Odenwälder“
oder
„Alles muß lachen“
Humoristische Gedicht in Odenwälder Mundart




Bernhard-Kraft-Weg:

Die Gemeinde Mühltal hat am 20.10.2001 Bernhard Kraft einen neuen Wanderweg von Frankenhausen nach Nieder-Ramstadt gewidmet und nach ihm benannt. Von Nieder-Ramstadt führt der Weg weiter nach Traisa. Er berührt alle Mühltaler Gemarkungen.
Mehr:





Verschiedene Fassungen

des Gedichtes vom Kräppelhärche sind in Umlauf, wie Heinrich Tischner, Bensheim, schon in seiner Kindheit hörte. Peter Dotterweich bestätigte ihm, daß das Original von Bernhard Kraft stammt.

Heinrich Tischner betreibt eine sehr umfangreiche Internetseite

„Der Kreuzdenker“,

auf der er zwei „Plagiate“ des Kräppelhärchens vorstellt,

http://www.heinrich-tischner.de/60-ks/gedichte/kreppel.htm

Heinrich Tischner ist zugleich der Verfasser der „Sprachecken“ in den Echo-Zeitungen. Seine Sprachecke zum „Kräppelhäärche“ vom 20. Feb. 2007 kann hier nachgelesen werden:

http://www.heinrich-tischner.de/22-sp/9sp-ecke/artikel/200/2007/07-02-20.htm

Des Kräppel-Hearche
von Bernhard Kraft

Morgenstund hat Gold im Mund
von Bernhard Kraft

Jetzt gitt's emol e Späßje
wo jedes intressiert,
woas so em oalte Wittmann
uff Fastnacht ist passiert.

Uf en kloane Ort im Orewald
vun hie aus goar net weit,
do wohne schon seit langer Zeit
zwaa ganze broave Leit.

Sei Fraa woar erscht gestorwe
an so em böße Baa.
Die woar so oalt gewese
als wie de Frankestaa.

So orntlich fleißig wie die sin,
spoarsam und akroad,
gits selte in em Ehestand.
Damit is alles gsoat.

Sei Kinn woarn all vehaiert
un er hätt wie geaoagt
jetzt ganz schö kenne lebe,
hätt als nur oans gekocht!

Vun früh bis spät de ganze Toag
schafft er, de Häwe-Hannes,
un sie besorgt die Haushoaling
(des is doch aach ka kloanes).

Zwoar kaaft er sich e Kochbuch,
studiert so gut er kann,
doch des woar schwer zu lerne
für so en oalte Mann.

Drüm soag ich es aach frei eraus,
daß jedermann kann hörn:
Wer fleißig is wie die zwaa Leit,
der kann sich schö ernährn.

Doch die Faßnacht, wo die Kräppel
überall floriern,
guckt er aach in sei Kochbuch,
will Mehl zu Teik eimährn.

De Ackerbau, die Landwirtschaft,
sin stets ihr Lebenswannel,
doch treibe se noch nebe her
mit irden Gschirr en Hannel.

Wie veel wern ich nur brauche?
Do steht: Zu zwanzig Pund
ghört groad e Schoppe Hewe -
ich bring des Ding net rund.

Sieht mer de Mann als manchmol geh
mit so re Mohn voll Häwe_
Ich könnt's net trage des Gewicht,
mir dürft oahns alles gebe.

Aach Milch haaßt's: Zehe Schoppe.
Will ma genaa verfoahrn
brauch Botter ich un Aier,
do dro soll ma nett spoarn.

Doch der is munter stets debei
un macht mit koam Gezerre,
mer freit sich orntlich wann er rüft:
„Braucht ihr irden Gscherr?“

Un üwer dem er do sitzt,
studiert des Buch genaa,
seekts hinne: „Gure Morje“!
Des woar die Heewe-Fraa

Es kaaft von ihm e jedes gern
üweroall is er beliebt,
weil er, wann oahns e Häbche kaaft
e Deckelche noch gibt.

No - Häarche, wie veel Hewe
braucht Ihr zum Backe heit?“
„Ja, seekt er - kann ich's wisse,
ich bin net eugeweiht.

Un wann er in Gesellschaft is
mit so e poar lustige Brürer,
do singt er für sei Lewe gern
sei ausgewählte Lierer.

Im Kochbuch steht geschriebe:
Mehl so und so veel Pund.
Donoch soll ich mich richte!
Ich bring deß Ding net rund.

Des Resedche ist sei Lieblingsstück,
des sollt ihr doch mol hörn.
Hot er do nur mol ogestimmt,
tut's koam net me präsiern.

No,“ seegt die Fraa, „do nehmt er
so e Liter äwer drei.
Do bringt Ihr ziemlich Kräppel
devon schon in die Rei.“

Des moag ach schuld sei manchesmol,
daß die Weiber mit oam brumme,
weil ma dodurch als länger in Gesellschaft bleibt
un spärer hoam tut kumme.

Ach woas - des is net nörig,
mir scheint des goar se veel.“
„Ja,“ seekt die Fraa, „'s is Winter.
De Deiwel macht sei Speel

Bleibt ma de annern Morjend nur
e bißje länger leije,
do kreische se zum Doag enei
und könne net me schweije.

beim Koalte brauch ma mener
wie in der Summerschzeit.
Un Hewe, die verdirbt nichts.
Freekt nur mol annern Leit.“

So woar de Hannes aach emol
mit Häwe montoags drauß
und kimmt erscht so um Mitternacht
e bißje schräg ins Haus.

Un richtig: Sie bered en,
weil er es net versteht,
un woar aach los ihr Hewe:
„Do säk jetzt, wie ders geht.“

Natierlich ging des net gloatt oab:
„Du woarst heut aach beim Suff,
un morje früh, des waaß ich schun,
do kannste nort nett uf.“

Beim Fortgeh tut sie lache
für sich ganz schadenfroh:
„Der mag mol Kräppel backe,
den führste heit mol o.

Un richtig: Groad so woar es aach!
De Morjend hots gereemt,
do leekt sei Fraa e Predicht oab,
daß sich de Hannes schämt.

Un 's Häarche hält de Backtrog,
mährt Milch und Mehl schö ein
un schütt aach all die Hewe
zum Kräppelteik enei.

Mir treibste boal des Ding so bunt,
ich kann net länger schweje.
Morgenstund hat Gold im Mund:
Mir bleibst de zu lang leije.

Doch dauert's kaum e Stunde,
Herrgott, wo will des naus?
Do kimmt aach schon gelaafe
der Teik zum Backtrog raus.

Wie lang kennst du schon fertig sei!
Do guck emol wie spät!
Die Leut, die trifft mehr aach net o,
wann mer net früher geht.

Er wußt sich net zu helfe,
hält hortig noch e Bütt,
„O, hätt ich doch die Hewe
net all do nei geschütt.

Äwer morje früh, des soag ich der,
do bring ich dich enaus,
do werd geweckt um uhrer fünf,
do mußte aus em Haus.“

Verdammti Hewe-Orschel,
mich führts du net me o!
Hätt ich dich jetzt am Krotze
e Ohrfeig wär die Loh.“

Am annern Morjend in de Früh
is wärlich ganz allaa
de Hannes schun mit seiner Mohn
frühzeitig uf de Boa.

Un Mehl en große Stämmel
hot er in Teik gerührt,

dobei mit Hänn und Finger
noch alles voll geschmiert.

De Week woar schlecht uf's nächst Ort,
vun Daa noch goar zu naß.
Mer is geklitscht, 's woar bös geh,
drum macht's em goar koan Spaß.

In de Angst ging er ans Fenster
un rüft in seiner Not.
Do ging grad draus e Bäcker;
e Sohn von seiner Goth.

Un wie er vor de Woald naus kimmt,
führt so en schmoale Poat
dorch so en feuchte Wiesegrund.
„O weh“, hot er gesoagt.

Der kummt erei mit Staune,
's woar wirklich lächerlich,
un seekt zum oalte Häarche:
„Ihr hätt meh Teik als wie ich!

Do ist es joa noch goar se naß,
des sein mol schlechte Weje.“
Do glitscht er oab und fällt serück:
Dort hot sei Mohn geleje.

Wenn ihr wollt all verbacke
den Teik, bei meiner Seel,
do könnt ihr ja verbrauche
e ganzes Malter Mehl.“

's hot schon emol e Häwener
umgeworfe und geschmunzelt.
Des woar beim Hannes net de Fall:
Der hot die Stirn gerunzelt

Meint weje“, seekt des Häarche,
„des Mehl, des muß ebei.
Tu Du nur mol do mache
den Teik do in die Reih.

und hot geschennt und resoniert:
„Daß mir des muß passiern!
A hot mich dann de Satan ach
so früh doher se führn!

Jetzt wern mol Kräppel gbacke,
die ess ich an statt Brot.
die Motter muß mer helfe
deham mei oalti Goht.“

Wär ich erscht in e Stunner drei
mit meim Geschirr fortgange,
do woar e weil de Tag vorbei
un 's tät sunst ach noch lange.

Ich will's net üwertreibe
die Kräppelbackerei.
's hot Toag und Nacht gedauert,
bis alles woar in de Reih,

Do leit's Geschirr un mei Verdienst
vun so un so veel Woche.
Un wenn ich haam ins Bajes kumm
verwünscht se mer die Knoche.“

woas do all druff is gange
an Milch und aach an Mehl,
zwölf Aier, fünf Pund Botter
un zwanzig Schoppe Öl.

Verdrießlich nimmt er dann sei Mohn
un hott se imgehängt.
Des schö Geschirr, des dauert en.
Kaa Wunner, daß's en kränkt.

Des hot die Hewe-Orschel -
waß Gott a woar Geschicht -
mit ihre veele Hewe
beim Häarche ogericht.

Un haamzu geht's jetz ganz verstimmt,
des Unglück woar geschehe.
Doch wie er an sei Haus hekimmt
hot ihn sei Fraa gesehe.

Do konnt mehr Kräppel sehe,
de kleenst mäst fuffzehn Zoll:
E Wäschbütt un e Backtrog
un siewe Heukörb voll.

Do kimmt se dann in aller Eil
zur Tür eraus geschlaaft
un seekt: „Ei Hannes, woas e Glück,
du host joa ausverkaaft!

Des Häarche hat se esse
vun Fastnoacht bis die Ernt
un dann noch bis in Hirst nei:
's wollt goar net winjer wern.

Gell, Morjendstund hat Gold im Mund?“
„Ja, damit kannste schweije.
Die Häwe leije im Wiesegrund,
des macht des Frühufsteije.“

Drüm haßt mer jetzt den Oalte,
es is waß Gott koa Märche,
im ganze Dorf bei jedem
seit dem - des Kräppel-Häarche.