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Geschichte > Frankenhausen

Stand: 10.11.2009
















Die Kirche in Frankenhausens

Text:
Volker Teutschländer



Quellen:

Denkmaltopografie für den Landkreis Darmstadt-Dieburg 1988

Karl Schwinn
„Alte Sinnbilder auf hohen Türmen“
(Verlag Marga Hosemann Mörlenbach, 1985)

Frankenhausen im Odenwald
Dr. Wendel Mertz, 1955,
Gemeinde Frankenhausen

Wilhelm Diehl
Hassia sacra Bd. 8;
1935












Alle Fotos:
Hans W. Keller
2009





Kirche 1911
(aus dem Besitz vom
Hans W. Keller)


In Frankenhausen besteht eine eigenständige evangelische Kirchengemeinde. Daß seit Mitte des 19. Jh. mit Nieder-Beerbach ein Kirchspiel bestehe, ist falsch: Es besteht lediglich eine Personalunion hinsichtlich des örtlichen Pfarrers, der beide Gemeinden verwaltet.

Die kleine Kirche ist ein Saalbau (mit 3/8 Schluß). „Über dem Giebel erhebt sich ein quadratischer Dachreiter mit spitzer, achtseitiger eingeknickter Haube. Sie wird von einem schmiedeeisernen Kreuz bekrönt. In die Bruchsteinaußenwände sind rechteckige Fensteröffnungen mit flachen Stichbögen und einfachen Sandsteingewänden eingelassen.“

Im Innern ist die Kirche mit einer flachen Holzbalkendecke versehen. An einer Längs- und einer Schmalseite sind hölzerne Emporen eingebaut – mit einer barocken Orgel gegenüber der Altarseite. Im Eingangsbereich zu Kirche und Friedhof befindet sich eine Gedenkstätte für die Kriegstoten.

Die Kirche im Römerweg 5 a steht wegen ihrer geschichtlichen und baukünstlerischen Bedeutung unter Denkmalschutz.

Ein Dachreiter mit feiner Turmbekrönung

Den Bau ihrer Kirche vor 300 Jahren feierten die evangelischen Christen in Frankenhausen beziehungsreich an der Kirchweih 2009. Ob die Kirchenweihe vor 300 Jahren der ursprüngliche Anlaß für die jährliche Frankenhäuser Kerb ist, darüber gibt es wie auch anderenorts keine Belege. Kirchweih wird ja auch in Dörfern gefeiert, in denen es überhaupt keine Kirche gibt.

Der Schreiber dieser Zeilen hat in dem Booklet des Frankenhäuser Kirchenvorstandes einen kurzen Abriß über die Jubiläumskirche verfaßt und darin bemerkt, daß Frankenhausens Kirche keinen Turm, sondern einen Dachreiter hat. Das hat in Frankenhausen Kritik ausgelöst. Aber ein Dachreiter ist überhaupt nicht weniger bedeutsam als ein Kirchturm. Ein Turm steht auf einem eigenen Fundament, der Dachreiter dagegen steht auf dem Gebälk des Dachstuhls.

Und Dachreiter sind keineswegs selten. Alleine im Mühltals stehen Dachreiter auf dem Gebälk der Waschenbacher Schule, des Traisaer Rathauses oder der Baptistenkirche in Nieder-Ramstadt, besonders schön in Traisa auf der Villa Natalie. Aber ungezählte Dachreiter sind berühmter als diese im Mühltal, wie der auf dem Veitsdom in Prag, auf dem Dom in Graz, auf Notre-Dame in Dijon, auf dem Kölner Dom, auf dem Dom von Lübeck oder auf der Kathedrale von Reims (Quelle: Wikipedia).

In Frankenhausen hat es lange vor dem Geburtstag der heutigen Kirche ein Gotteshaus gegeben, in dem zeitweise ein Kaplan die kirchlichen Dienste versah. Es stammte noch aus katholischer Zeit, und diente nach der Reformation noch etwa 170 Jahre (Wilhelm Diehl) seiner Bestimmung. Dr. Wendel Mertz beschreibt im Heimatbuch den ehemaligen Standort. Diese Kapelle hat wohl im Dreißigjährigen Krieg, der ja erst vor sechzig Jahren zu Ende ging, entscheidend gelitten. Das ganze Dorf war zerstört, alle Menschen ermordet oder geflohen. Wilhelm Diehl in Hassia sacra Bd. 8; 1935: „Frankenhausen besaß zur Zeit der Einführung der Reformation eine mitten im Dorf stehende Kapelle. Das Gotteshaus diente nach Einführung der Reformation seiner Bestimmung noch etwa 170 Jahre.

Im Anfang des 18. Jh. kam die Kapelle, die schon im Dreißigjährigen Krieg als baufällig bezeichnet wird, in völligen Verfall. Der mit der Besichtigung der Kapelle beauftragte Werkmeister Schäfer berichtet im Jahr 1708, die Kapelle sei so alt und baufällig, daß man sie als zur Haltung des Gottesdienstes in allem ganz unbrauchbar bezeichnen müsse. Es sei augenscheinlich zu befürchten, daß der Boden, so alle Bohlen verfault, einbreche. Auch sei das Gotteshaus zu klein und nicht zu reparieren.“

Das ganze Dorf war ja zerstört, alle Menschen ermordet oder geflohen. Und dieser mörderische Krieg war erst sechzig Jahre vergangen, als 17 Familien mit 85 Seelen zurückgekehrt oder zugewandert waren, denen der Bau einer neuen Kapelle bevorstand. Aber: Diese sehr kleine Gemeinde hatte sogar schon 1690 ihr erstes Schulhaus gebaut, in dem ein eigener Lehrer unterrichtete.

Diehl weiter: „Auf dieses Gutachten hin beschlossen die Frankenhäuser, ihr einem Viehstall ähnlicher als einem Gotteshaus aussehendes Kapellchen durch einen Neubau zu ersetzen. Im Jahr 1709 wird mit diesem Bau ... begonnen und im Jahr 1710 die noch nicht völlig ausgebaute Kapelle vor dem Dorf in Gebrauch genommen.“ Die Vollendung der Kapelle brachte erst das Jahr 1715, in dem das an die Kapelle gebaute ‚Thörngen‘, das noch nicht im Trockenen stand, fertiggestellt wurde.

Vor Zeiten“, also lange vor dem Dreißigjährigen Krieg, hatte die alte Kapelle einen Kaplan „gehabt“, nach dem Krieg und auch nach dem Kirchen-Neubau aber nicht mehr. Frankenhausen blieb Filialort von Ober-Ramstadt bis 1830, dann 20 Jahre von Ober-Beerbach. Seit 1851 bilden die evangelischen Christen Frankenhausens eine eigenständige Kirchengemeinde, ein Kriterium, das die Kapelle zur Kirche macht. Dr. Mertz, eingeborener Frankenhäuser, spricht im Heimatbuch allerdings von der neuen „Kapelle“ und steht dabei im Widerspruch zu seinen „Landsleuten“, die ihre „Kirche“ lieben. Schließlich hat die „Kirchen“gemeinde einen „Kirchen“vorstand und auch sonst fehlt der Kapelle nichts, was sie nicht zur Kirche machen würde.

Bauherrin war übrigens die bürgerliche Gemeinde Frankenhausen. Das ist nicht verwunderlich, denn bürgerliche und evangelische Gemeinde waren seinerzeit nicht nur in Frankenhausen identisch. Die Kirche war sogar, möglicherweise irrtümlich, als Eigentum der bürgerlichen Gemeinde eingetragen. Erst 1903 ist das geändert worden. Der Wunsch der Kirchengemeinde blieb dabei unerfüllt, die bürgerliche Gemeinde möge die laufende Baulast oder wenigstens eine Abfindung für eine längere Zukunft übernehmen.

Und wie ein Turm verfügt der Dachreiter über eine Turmbekrönung. Karl Schwinn, namhafter Volkskundler aus Reichelsheim, erwähnt in „Alte Sinnbilder auf hohen Türmen“ Frankenhausens schöne Turmkrone mehrfach und beschreibt sie so: „Senkrechter Schaft und waagrechter Balken des Kreuzes sind aus gleich starken Stäben errichtet. An den vier Armen sind große Herzmotive zu erkennen, deren Spitzen nach innen weisen. Durch weitere Verzierungen entsteht um die Mitte eine Raute. Die waagrechten Arme enden in hörnerformigen Ranken. Blattwerk aus getriebenem Blech bedeckt das ganze Kreuz. Der Knopf ist abgeflacht. Um die Spitze dreht sich der Hahn.“