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Geschichte > Mühltal (überörtlich)

Stand: 17.12.2012

 

 

 


 

Das Frankensteiner Eselslehen

Text:
Volker Teutschländer


Quelle:
Heinz Bormuth





Selbst Georg Christoph Lichtenberg

hat sich mit dem Frankensteiner Eselslehen befaßt. Im Göttinger Taschen Calender 1795 schreibt er

„Über das Eselslehn und die ehemalige Weiberpolizey in Darmstadt“
(klick ins Bild öffnet die pdf-Datei):



Das Eselslehen in der Zeichnung von Rudolf Hofmann 1859



www.sagen.at

enthält eine große Sammlung deutschsprachiger Sagen, darunter das Frankensteiner Eselslehen nach Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853



Weithin, auch in Italien

und in Frankreich ist die bekannte Strafe des Eselsrittes bekannt. In ländlichen Gebieten Frankreichs konnte der Brauch noch Ende der 1880er Jahre beobachtet werden.
(Dr. Adolf Müller, Neutsch im Odenwald, 1956)


Oder: Das Nieder-Ramstädter Schandreiten auf dem Strafesel

Das Frankensteiner Eselslehen ist in der hiesigen heimatkundlichen Literatur die bekannteste der früheren Schand- und Ehrenstrafen. Der Eselsritt war die Exekution einer Strafe, mit der die verurteilte Person ihr gesellschaftliches Ansehen innerhalb ihrer Gemeinde völlig verlustig ging, denn sie galt von da an nicht mehr als ehrbar. Sie verlor jegliche bürgerlichen Ehrenrechte (soweit vorhanden). Es war ihr nicht mehr möglich, am normalen gesellschaftlichen Leben innerhalb der Gemeinde teilzunehmen.

Schon im Altertum bestand eine Art der Verhöhnung von Straftätern darin, daß die Obrigkeit den Übeltäter verkehrt auf einen Esel setzen und ihn so zum Gespött der Leute durch die Stadt reiten ließ. Oft mußte er dabei den Schwanz des Esels in die Hand oder gar in den Mund nehmen. Nicht selten folgten dem schmachvollen Ausritt weitere Stufen des Strafvollzuges bis hin zur Todesstrafe, die erst nach qualvollen Tagen vollstreckt wurde. Falschmünzerei, Meineid, Unzucht, Bankrottwaren die bevorzugten Straftaten, wegen denen das Eselsreiten und seine oft schrecklicheren Folgen verhängt wurden.

Im Mühltal ist belegt, daß der schändliche Eselsritt an zwei Orten verhängt wurde, nämlich sowohl als Frankensteiner (auch Bessunger) Eselslehen wie auch in Nieder-Ramstadt. Über die Schand- oder Ehrenstrafe des Eselsreiten ist in den „Darmstädter historischen Kleinigkeiten, 1879“ berichtet worden:

„Im Jahr 1617 sollte einmal wieder eine solche Exekution in Ober-Ramstadt ausgeführt werden und da das Verfahren etwas in Vergessenheit geraten war, so wendete sich der Schultheiß von Ober-Ramstadt an den von Nieder-Ramstadt mit dem Ersuchen um Aufklärung, wie es in mehreren daselbst vorgekommenen Fällen gehalten worden sei. Der Schultheiß Heinrich Krebs von Nieder-Ramstadt gab dann den gewünschten Aufschluß bei zwei in der Gemeinde vor Jahren vorgekommenen Fällen.“

Die Schilderung des Nieder-Ramstädter Schultheißen wird im einzelnen wiedergegeben. Abschließend stellt er fest, „. . . denn die Gemeinde hat gar nicht daran gedacht zu dulden, ein Weib ihren Mann schlagen zu lassen. Und es ist auch in unser Gemeindebuch ordentlich eingeschrieben worden, wie dann die Eberstädter solches vor zwei Jahren auch gebraucht, als sie uns Nieder-Ramstädter auch um Hilfe angesprochen haben, welche auch nach unserer Ordnung ist angestellt worden.“

„Untertänig und gehorsam“ unterschreibt unter „Nieder-Ramstadt, dem 27. Februar 1617“ Heinrich Krebs als Schultheiß.

Über das Frankensteiner Eselslehen, letztmals verhängt im 17. Jahrhundert, schreibt Pfarrer Wolfgang Weißgerber, Eberstadt, 1982:

Die Herren von Frankenstein bezogen noch bis 1571 eine Korngülte von 12 Maltern, das sogen. Eselskorn, aus Darmstadt, für den Esel, der in Bessungen stand. Dafür mußte je nach Bedarf ein Esel bereitgestellt werden, auf dem die „übermütigen, :stolzen, giftigen und bösen Weiber, die ihre Männer geschlagen hatten", zu Spott und Schanden durch die Stadt geführt wurden. Zuletzt war eine Art Mummenschanz daraus geworden, indem das „Böse Hundert", ein Fastnachtsgericht, die Strafe auf offenem Markt verhängte und am Aschermittwoch vollziehen ließ.

Zu diesem Behufe schreiben 1538 Schultheiß und Schöffen des „Gerichts" an den Junker Hans zu Frankenstein: „Unseren willigen Dienst mit Fleiß zuvor, ehrbare und gestrenge liebe Junkern! Es hat sich zu Darmstadt Zwietracht, Zank, Uneinigkeit erhoben zwischen etlichen giftigen und bösen Weibern, die sich haben aufgeworfen gegen ihre Männer und haben sich unterstanden sie zu schlagen. Solche Gewalt, Frevel und Übermut ist gegen die ganze Gemeinde, sunderlich aber gegen das Burglehen. So ist es unser Bitt und Ansehen, uns zu Hilf zu kommen nach altem Herkommen und den Esel zu schicken. Wir wollen auf nächsten Dienstag morgens früh unsern Stadtboten zu Euch schicken, der soll den Esel nach Darmstadt geleiten, da wird er Futter haben. Und wenn wir ihn gebraucht in unsern Nöten, so wollen wir ihn ohne Eure Kosten und Schaden wieder heimgeleiten in Eure Veste.

Im Jahre 1588 wird der Esel sogar zur Bestrafung von Megären aus Pfungstadt, Nieder-Ramstadt und anderen Orten angefordert. Wie toll es diese Pfungstädterin trieb, berichtet der dasige Schultheiß: sie habe ihrem Mann, als er sie mit einem Stecken habe schlagen wollen, nicht nur einen Hafen (Topf) mit kaltem Unschlitt an den Kopf geworfen, daß das Blut davon floß, sondern ihm auch gedroht, ihm in den Wanst zu stechen, da sie Gott einen Toten schuldig sei. Das war nun beides nicht fein. Aber nach der damaligen Gesellschaftsordnung durfte der Mann seine Frau schon einmal vermöbeln, sie aber nicht ihn.

Junker Ludwig schickte den Esel mitnichten. In einem barschen Schreiben an die Darmstädter, die den Esel angefordert hatten, erklärte er, man solle ihm zuerst seine jahrelangen Rückstände aus dem Lehen bezahlen. Im übrigen gebe er den Esel nur nach Darmstadt, wie es Brauch sei, und nicht anderswohin.