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Geschichte > Mühltal (überörtlich)

Stand: 18. Dez 2012

 

 

 


 

Vorgeschichte

 

Autor
Karl Dehnert





Das Traisaer Hügelgrab:





Die Terrine aus der dem Kulturkreis der

Bandkeramiker

wurde 1938 in der Gemarkung Nieder-Ramstadt gefunden. Sie ging verloren beim Terrorangriff auf das Landesmuseum Darmstadt 1944.

(Stein-, Bronze- Eisenzeit bis etwa 450 v.Chr.)

 

Die erste urkundliche Erwähnung eines Ortsnamens beweist schriftlich den Bestand einer menschlichen Ansiedlung mit dem jeweiligen Namen. Derartige urkundliche Beweise bezeugen folglich nicht Beginn einer solchen Besiedlung. Für die Siedlungen im Mühltal bestehen kaum Aussichten, daß sich noch Urkunden älteren Datums als die jetzt bekannten finden.

Gehen wir noch weiter zurück, werden andere Hinweise auf frühere Besiedlung äußerst spärlich. Nur wenige Gräber in der Nieder-Ramstädter und Bessunger Gemarkung deuten auf merowingisch-fränkische Besiedlung hin. Dann fehlen weitere Anhaltspunkte bis zurück zur römischen Besitznahme. Aus vorchristlicher Zeit liegen jedoch zahlreiche Funde vor, die eine frühe Besiedlung, beginnend etwa 3500 v.Chr., beweisen.

Das nördliche Mühltal ist mit den benachbarten Gemarkungen als Fundort frühgeschichtlicher Zeugnisse in der Fachwelt bekannt. Das Hauptfundgebiet liegt zwischen der Alten Ober-Ramstädter Straße und dem Eckweg, dem Traisaer Weg und dem Steinbuckel (s. Verweis rechts: Hügelgräber).

 

Die Jungsteinzeit 3500 – 1800 v.Chr.

 

Im letzten Abschnitt der ausgehenden Steinzeit dringt eine Bauernkultur bis in unserem Raum vor. Die von ihnen gefundenen keramischen Gefäße weisen bandartige Verzierungen auf, was zu dem Namen „Bandkeramiker“ für diesen Kulturkreis führte. Hierzu gehören vermutlich auch das am Birkenberg gefundene Steinbeil sowie Scherben von Gefäßen aus den Hügelgräbern am Eckweg. Zwischen Trautheim und Wiesengrund, wo verschiedene jungsteinzeitliche Steingeräte gefunden wurden, barg man eine reich verzierte Terrine (s. Abb. rechts)

Gegen Ende der Jungsteinzeit wanderte eine neue Volksgruppe in Südhessen ein, nach ihrem Brauch zur Verzierung ihrer Gebrauchskeramik „Schnurkeramiker“. Funde aus dieser Zeit, die zweifellos zu einer Bestattung gehörten, wurden bei Ausgrabungen an einem kleinen Hügel am Eckweg neben Beisetzungen aus späteren Jahrhunderten geborgen, u.a. ein Becher mit Schnurverzierungen.

Eine der Schnurkeramik nahe verwandte Kultur zog Fischgrätmuster als Verzierungen vor. Bodenfunde aus diesem Kreis sind die Steinbeile von der Pfingstweide und an der Alten Darmstädter Straße sowie ein Sichelmesser vom Lindenberg. Ein an der Alten Darmstädter Straße gefundenes Kupferbeil ist der Endzeit der Schnurkeramik zuzuordnen, die gleichzeitig den Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit bildet.

 

Die Bronzezeit 1800 - 800 v.Chr.

 

Bronze wurde in dem an die Jungsteinzeit anschließenden Abschnitt von rund 1000 Jahren zum vorherrschenden und namengebenden Werkstoff. Dieses Jahrtausend umfaßt – von der Überleitungsperiode seit der Jungsteinzeit abgesehen – zwei verschiedene Kulturabschnitte, die von 1900 bis 1200 anzusetzende Hügelgräberbronzezeit und darauf folgend die Urnenfelderzeit von 1200 bis 800 v.Chr. Zahlreiche Hügelgräber nördlich von Traisa zeugen von dieser Zeit.

Um diese Zeit tritt abermals eine deutliche Änderung der Lebensäußerungen der damaligen Bevölkerung in der Folge der Einwanderung der aus dem Alpenvorland kommenden „Urnenfelderleute“ im hiesigen Raum ein. Die Umstellung zeigt sich der Nachwelt am deutlichsten in der grundlegenden Änderung der Bestattungssitte. An die Stelle der Körperbestattung im Hügelgrab tritt die Leichenverbrennung mit anschließender Beisetzung der Aschenurne, der Gefäße und Schmuck beigegeben werden.

Ein typisches Brandgrab aus dieser Zeit fand man in Nieder-Ramstadt in der Gewann „Am Sandwingert“. Scherbenfunde auf dem Hügel in Traisa deuten darauf hin, daß hier eine Ansiedlung bestand.

 

Die ältere Eisenzeit – Hallstattkultur 800 – 450 v.Chr.

 

In der Hallstattzeit ist unsere Gegend stärker besiedelt. Dieser Kulturkreis ist benannt nach der Tiroler Stadt Hallstatt, von der aus sich diese Kultur ausbreitete. Eine Kette von Hügelgräbern aus dieser Zeit zieht sich von dem Gräberfeld in der Hanauer Koberstadt bis nördlich Traisa. Verschiedene Funde weisen aus, daß diese hauptsächlich der jüngeren Hallstattkultur, von ca. 600 bis 450 v.Chr., zuzuordnen sind, u.a. auch die Traisaer Funde am Eckweg. Dort handelte es sich um eine kleine Ansiedlung und zwei Grabhügel. Bei der Sicherung der Funde konnten die Umrisse von drei rechteckigen Gebäuden sowie eine Art Viehtränke mit befestigtem Boden ausmachen.

Ein weiterer Fund aus der jüngeren Hallstattkultur wurde beim Bau des Hauses Müller in der Darmstädter Straße in Traisa geborgen, nämlich um einen gut erhaltenen Bronzearmring, der vermutlich aus den Beigaben einer Bestattung stammte. Er gehört derselben Zeitstufe an wie die Funde am Eckweg und kann, da die Entfernung zwischen beiden Fundstellen kaum 800 m beträgt, noch dem Bereich der Ansiedlung zugerechnet werden.

 

Die siedlungsgeschichtliche Deutung der Funde

 

Das reiche Fundgut in den Mühltaler und angrenzenden Gemarkungen berechtigt zu der Aussage, daß seit der Jungsteinzeit in diesem Raum Menschen ansässig waren. Durch Häufung der Fund zwischen Wiesengrund, Traisaer Weg und Steinbuckel sowie um die Ludwigseiche kann man annehmen, daß dort jeweils Schwerpunkte der Besiedlung lagen.

Da für das Gebiet am Trautheim und im Wiesengrund nur jungsteinzeitliche Funde wurden, spätere nicht, ist anzunehmen, daß mit dem Auslaufen der Jungsteinzeit die dortigen Wohnplätze aufgegeben wurden. Das Gebiet um die Ludwigseiche muß in der Zeit der Schnurkeramiker und dann stärker in der Hallstatt- und Latèneperiode besiedelt gewesen sein. Dazwischen fehlen für etwa ein Jahrtausend Anhaltspunkte für menschliche Niederlassungen.

Zwischen Traisaer Weg und Steinbuckel sind hingegen alle Siedlungsperioden von der Jungsteinzeit bis zur ausgehenden Hallstatt-Kultur vertreten. Man kann deshalb dort eine ständige Besiedlung annehmen, die etwa um 500 v. Chr., als dort das Gehöft entstand, ihren Höhepunkt erreichte.

Für die daran anschließende Zeit fehlen jedoch Funde, weshalb man annehmen muß, daß die dortige Ansiedlung verlassen wurde oder durch unbekannte Einflüsse einging.

Die Funde bestätigen aber auch, daß es sich bei diesen Hügel nicht, wie heute noch im Volksmund behauptet wird, um „Römerbuckel“ also Anlagen römischen Ursprungs handelt, sondern um viel ältere Hinterlassenschaften früherer Kulturen.

Die Frühgeschichtsforschung hat es ermöglicht, daß wir uns heute ein recht umfassendes Bild über die Menschen, die Träger dieser Kulturen waren, machen können. Aus diesen Kenntnissen, die durch die Funde bestätigt sind, wissen wir, daß es sich nicht um „wilde Barbaren“ handelte, sondern um Menschen bauerlicher Art, die schon von der Jungsteinzeit an einen ausgeprägten Schönheits- und Formensinn bewiesen, deren Geist sich mit religiösen Überlegungen befaßte, Menschen also, deren wir uns nicht zu schämen brauchen, wenn wir sie als unsere Vorfahren ansehen wollen.

 

Die Frühgeschichte (ab etwa 450 v.Chr bis zum mittleren Mittelalter)


Die jüngere Eisenzeit – 450 v. Chr. bis zur Zeitenwende

 

Die jüngere Stufe der Eisenzeit, die nach einer Fundstelle am Nordwestrand des Neuenburger Sees „Latène-Kultur genannt wird, ist an der oberen -Donau und bei uns am Oberrhein durch die Kelten geprägt, die zu dieser Zeit einen Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichten.

In unserem Raum wird der schon seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. deutlich bemerkbare keltische Einfluß dominieren. Obwohl in diesem Zeitabschnitt starke Bevölkerungsbewegungen stattfinden – die Kelten wandern nach Italien, Frankreich, Spanien, den britischen Inseln und donauabwärts ab, die Germanen drängen aus den mittelelbischen Gebieten nach Westen und Südwesten – findet in unserer Gegend kein Bevölkerungswechsel statt. Die landwirtschaftliche Siedlungsform bleibt erhalten, das Handwerk wird durch die Eisenverarbeitung und die Einführung der Töpferscheibe stärker gegliedert.

Funde aus dieser Zeit liegen aus der Nähe der Ludwigseiche in der benachbarten Ober-Ramstädter Gemarkung vor. In einem 1963 geöffneten Grabhügel fand man drei Bestattungen aus der Frühlatènezeit, bei dem 1965 geöffneten Hügel wurde neben weit älteren Bestattungen auch eine mit reichem Latèneschmuck geborgen.

Gegen Ende der Latèneperiode läuft die Grabhügelkultur aus. Einfache Brandgräber finden sich bei Kelten wie bei Sueben, die im letzten vorchristlichen Jahrhundert auch in Südhessen, vornehmlich jedoch in der Rheinebene, anzutreffen sind. Im Mühltal und seiner nächsten Umgebung ist diese Periode durch Funde nicht belegt.

 

Von der Römerzeit zum Frankenreich

 

Im ersten vorchristlichen Jahrhundert gerät unser Gebiet in den Bereich der Auseinandersetzungen zwischen den Germanen und den Römern. Die Sueben, ein Stammesverband der Westgermanen, erreichen das keltische Südwestdeutschland und ergreifen Besitz vom südlichen Hessen und nördlichen Baden. Einzelne Volksteile gelangen unter dem Tribokerfürsten Ariovist über den Rhein und treffen in Gallien auf die Römer. Sie wurden durch den Sieg Julius Cäsars 58 v. Chr. in ihrem weiteren Vordringen gehindert und kamen unter römischen Einfluß. Hingegen lebten die rechtsrheinisch verbliebenen Volksteile frei unter den Resten der eingesessenen keltischen Bevölkerung, die in den eingewanderten germanischen Stämmen aufging.

In den Jahren 55 und 53 v. Chr. überschritten erstmals römische Legionen unter Julius Cäsar den Rhein. Die Vorstöße wurden von Drusus, Germanicus und Tiberius um die Zeitwende fortgesetzt und führten zur teilweisen Unterwerfung der rechtsrheinischen germanischen Stämme. Ihre Nachfolger suchten diese Gebiete militärisch zu sichern. Unter Domitian wurde ab 83 n. Chr. die als „Limes" bekannte Grenzsicherung planmäßig ausgebaut, von Hadrian (117-138 n.Chr.) und dessen Nachfolger Antonius Pius (138-161 n.Chr.), erweitert, fortgebaut und ergänzt.

Teile des Landes hinter dem Limes sind als Legionsterritorien, agri decumates, ausgewiesen. Auch unsere Gegend war „Dekumatenland". Dieburg war innerhalb dieses Gebietes die einzige bedeutende Ansiedlung. Es sind jedoch zahlreiche Stellen bekannt, wo Gutshöfe (villae rusticae) und Brandgräber gefunden wurden. In unserer Nähe lag ein Gutshof im Hinterforst südlich des Mathildentempels, wahrscheinlich auch am Westhang des Roßberges in Roßdorf. Mehrere Brandgräber fand man an der Vogelschneise unweit des Papiermüllerweges

Dem Ausbau des Straßennetzes widmeten die Römer große Aufmerksamkeit. Eine Verbindungsstraße führte von Gernsheim am Rhein nach Dieburg und schnitt im westlichen Mühltal die Gemarkungen Nieder-Ramstadt und Traisa. Im Jahre 1950 wurde beim Bau des Hauses Waldstraße 30 die Stückung der Straße in etwa 50 cm Tiefe angeschnitten.

Eine weitere Straße führte von Groß-Gerau nach Dieburg und soll von Bessungen kommend, zwischen Trautheim und altem Sportplatz in die Ost-West-Straße eingemündet sein. Dieses Teilstück konnte bis jetzt aber noch nicht genau festgestellt werden

Eine weitere Anlage, wahrscheinlich aus römischer Zeit und möglicherweise mit der noch nicht gefundenen Straße im Zusammenhang stehend, ist das an der Nordseite der Ober-Ramstädter Straße, dem Traisaer Sportplatz gegenüber, liegende, deutlich erkennbare Grabenviereck. Dieses wurde bei den Ausgrabungen als Hallstattgehöft erkannt und untersucht. Es soll ein durch Brustwehr und Spitzgraben geschützter Platz mit einem befestigten Tor gewesen sein. Vielleicht handelt es sich um ein kleines Straßenkastell.

Der Limes wurde von den Germanen mehrfach angegriffen und im Jahre 260 von den Alemannen überrennt, die sich im Dekumatenland niederließen und im Laufe der Zeit ihre Herrschaft im Oberrheingebiet ausdehnten. In der Völkerwanderungszeit gelangten auch die Burgunder in diesen Raum und gründeten ein Reich in und um Worms. Als sie versuchten, weiter nach Gallien einzudringen, wurden sie jedoch vom damaligen römischen Statthalter Aetius 435 n. Chr. geschlagen. Die Reste des Volkes wurden später an die obere Rhone umgesiedelt. Am Rhein blieben die Alemannen und die inzwischen ebenfalls eingewanderten Franken zurück.

In der Entscheidung um die Vorherrschaft besiegten diese unter Chlodwig 496 die Alemannen, die in der Folgezeit dem Frankenreich eingegliedert wurden. Damit beginnt dann die Entwicklung des fränkischen Großreiches.

Aus der Zeit der Völkerwanderung mit ihren großen Umwälzungen liegen keine Überlieferungen über die Verhältnisse oder Geschehnisse in unserem Raume vor. Nur anhand der Bodenfunde kann man sich ein Bild von der damaligen Lebensart machen. Die Funde aus der alemannischen Periode sind spärlich; besser liegen die Verhältnisse für die fränkisch-merowingische Periode, weil Funde aus Reihengräbern unser Wissen um diese Zeit beträchtlich erweiterten.

In Nieder-Ramstadt, in unmittelbarer Nähe des ältesten Ortskernes, im Gebiet „im Hach", wurden mehrere Gräber aus dem 6. und 7. Jahrhundert entdeckt. Die zu diesem Friedhof gehörende Siedlung war vielleicht der Ursprung des heutigen Nieder-Ramstadt.

Die stetige Entwicklung des fränkischen Reiches führte zu einer Machtausprägung, die im Reiche Karls des Großen ihre Krönung fand. In dieser Zeit wurde das Rhein-Main-Gebiet zu einem politischen und kulturellen Schwerpunkt des damaligen Frankenreiches. Gestützt auf zahlreiche Pfalzen, Königsgüter und privilegierte Ländereien, entwickelte sich ein starkes Hofleben. Die Klöster, damals Zentren der geistigen Betätigung, wurden von den Königen stark gefördert. Durch zahlreiche Schenkungen von Gütern wuchs auch deren weltliche Macht. Das Kloster Lorsch wurde in dieser Zeit geistiger Mittelpunkt und von Ludwig dem Frommen zum Reichskloster erhoben.

Unter Karl dem Großen wurde auch die Landesverwaltung straff ausgebaut. Verwaltungsbezirke waren die Gaue, an deren Spitze der Gaugraf als königlicher Verwalter und höchster Richter stand. Im gleichen Zuge wurde das Straßennetz organisiert, teilweise auf den früheren römischen Heerstraßen aufbauend. Zur Sicherung der Straße wurden „Königshöfe" eingerichtet, die etwa eine Tagesreise auseinanderlagen. Diese Königshöfe sind oft die Keimzellen für spätere Ortschaften gewesen.

Auch die Nutzung des Bodens wurde intensiviert, durch Rodungen wurden neue Siedlungsflächen gewonnen. In mehreren solcher Siedlungsperioden erfolgten zahlreiche Ortsgründungen, von denen jedoch in der Folgezeit viele wieder eingingen. In unserer näheren Umgebung dürfte ein großer Teil der Ortschaften im Zuge dieser Rodungen im 10., 11., 12. Jahrhundert entstanden sein.