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Nieder-Ramstadt
– ein Bäckerdorf
Wieso soll Ramscht ein
Bäckerdorf gewesen sein, wenn heute bei wesentlich größerer
Einwohnerzahl im Grunde 2 Bäckereien die Versorgung
sicherstellen? Auf diese Frage eines aufgeklärten
Zeitgenossen gibt es nur eine logische Antwort: Die Rämschter
Bäcker stellten nicht nur Backwaren für den örtlichen
Bedarf her, sondern für die gesamte Region! Daß es
dazu kam, muß im Zusammenhang mit den Mühlen in
Nieder-Ramstadt gesehen werden.
Die erste urkundliche
Erwähnung von 2 Nieder-Ramstädter Mühlen erfolgte
1303. Es war die spätere Schachenmühle und die
Quicksmühle. 1456 waren es bereits 5 Mühlen;
hinzugekommen waren die Bruchmühle, die Brückenmühle,
und die Schneckenmühle. 1507 lassen sich 7 Mühlen
nachweisen; hinzugekommen waren eine weitere Schachenmühle
und eine weitere Bruchmühle. Schließlich kam 1549 noch
die Stolzenmühle (Bohlenmühle) im Mühltal
hinzu.
Wenn man davon ausgeht, daß beim Stand der
damaligen Mühlentechnik in 24 Stunden 400 bis 500 kg Korn
verarbeitet werden konnten, dann ergibt für die erwähnten
8 Mühlen mit insgesamt 15 Mahlgängen täglich 6 bis
7 Tonnen vermahlenes Getreide, genug Mehl für viele tüchtige
Bäckerhände.
So wird schon 1406 erwähnt,
daß während einer landesherrlichen Fehde drei
Rämschter Bäckern bei Dieburg drei Pferde und ihr
gesamtes Geld abgenommen wurde. 1420 besuchten Rämschter
Bäcker schon den Gernsheimer Markt. 1450 wird erwähnt,
daß sie den Darmstädter und den Groß-Gerauer
Wochenmarkt beschicken. 1521 beliefern sie den Reichstag zu
Worms, 1522 das Belagerungsheer des Landgrafen Philipp bei
Kronberg im Taunus. Die Aufzählung läßt sich fast
beliebig bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein
fortsetzen.
Wenn man zum Vergleich das Jahr 1595 bzw.
1596 und die Darmstädter und die Nieder-Ramstädter
Zunft heranzieht, stellt man fest: In der Residenzstadt Darmstadt
gab es gerade einmal 6 Bäckermeister, während für
Nieder-Ramstadt und Traisa 40 Bäckermeister bezeugt sind,
die zum Teil auch Mühlenbesitzer waren.
Hier zeigt
sich in großer Deutlichkeit, daß die Rämschter
Zunft voll und ganz auf Export eingestellt war. Dementsprechend
lassen sich auch gewisse genossenschaftliche Strukturen
nachweisen (z. B. gemeinsamer Einkauf von Getreide). Bei einer
Erneuerung des von Landgraf Georg I. verliehenen Zunftbriefs im
Jahre 1596 wurde betont, daß der Nieder-Ramstädter
Zunft das ganze hessen-darmstädtische Land zum Handel
offenstehe. Darüber hinaus ging der Backwarenhandel auf
Wochen- und Jahrmärkte bis Friedberg, Hanau, Heppenheim,
Worms, Mainz, Bingen und zu den Frankfurter Messen.
Mit
dem Dreißigjährigen Krieg war die Blütezeit des
Bäckerhandwerks zu Ende, obwohl 1627 bei Erneuerung des
Zunftbriefes für das Müller- und Bäckerhandwerk
noch 58 Zunftgenossen verzeichnet sind, davon 5 in Traisa.
Ab
1700 begann mit behördlicher Unterstützung das
Bäckerhandwerk wieder zu erstarken, ohne jedoch seine
frühere Blüte wieder zu erreichen. Beliefert wurden
aber immerhin noch Märkte in Darmstadt, Dieburg, Bensheim,
Heppenheim, Lorsch, Gernsheim und Oppenheim. Besonders in
Bensheim und Heppenheim wurden die Rämschter Bäcker als
Konkurrenz empfunden. So wird aus dem Jahre 1717 berichtet, daß
die dortigen Bäcker mit List und Tücke den Verzicht auf
ihre Märkte von den Rämschtern zu erzwingen suchten.
Bezeichnend für die Verhältnisse auch ein Bericht aus
Bensheim aus dem Jahre 1743:
Bensheimer Zunftgenossen
stellten fest, daß die Rämschter „Zweikreuzerweck“
um 7 Lot zu leicht waren. Zur Rede gestellt gaben die Rämschter
an, das Mindergewicht sei gerechtfertigt, weil es Milchwecken
seien. Zwei als Sachverständige herangezogene Heppenheimer
Bäckermeister erkannten jedoch die Wecken als Wasserware.
Die Rämschter wurden vom Marktgericht zum „Schnellkorb“
verurteilt. Das heißt, sie mußten einen Korb
besteigen und und sollten mehrmals im Wasser der Lauter
untergetaucht werden. Just in dem Moment hallten Feuerrufe über
den Marktplatz, die Sturmglocken läuteten: Ein Brand war
ausgebrochen! Die neugierige Volksmenge eilte zum Brand, die
Rämschter entkamen ungeschoren. Angeblich wurde den
Rämschtern dort der Marktbesuch fortan untersagt.
Tatsächlich wurden die Rämschter Bäcker
und Müller 1789 wegen ihrer guten Leistungen vom
kurmainzischen Oberamt Starkenburg bei der Regierung in Darmstadt
belobigt und die Belieferung der kurmainzischen Märkte wie
seither für die Zukunft zugesichert.
Mit der
Jahrhundertwende 1900 ging es dann mit dem Müller- und
Bäckergewerbe rapide bergab, bedingt durch den Einsatz der
Dampfmaschine als Mühlenantrieb. Heute erinnern nur noch die
„gestürzten Brezeln im roten Feld“ im Wappen der
damaligen Gemeinde Nieder-Ramstadt an die hohe Zeit der Bäcker.
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Autor: Hans
Hohlmann †

Mehr
über Mühltals Mühlen:



Das
Zunftwappen der Bäcker über dem Torbogen des großen
Bäckerhofes Ecke Bahnhofstraße / Dornwegshöhstraße

Aus
den Zunftwappen der Bäcker und Müller war das
Gemeindewappen geworden.
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