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Stand: 11.11.2008

 





















Die Füllhalterfabrik „Reform“ in Nieder-Ramstadt

1919 gründeten der Kaufmann Ludwig Jung, der Drechsler Paul Fortran und der Holzdreher Johann Heinz in St. Ilgen bei Heidelberg ein Unternehmen für die Herstellung von „Sicherheitsfüllhaltern“ unter der Markenbezeichnung „Kaweco“

Nach der Schließung der Zündholzfabrik Reichenbach und Bessunger in der Ober-Ramstädter Straße in Nieder-Ramstadt übernahmen 1928 die drei Unternehmer die Liegenschaften und verlegen den Betrieb nach Nieder-Ramstadt. Unter der Marke „Reform“ stellten sie Füllhalter, Tintenschreiber und Drehbleistifte von der einfachen bis zur Luxusausführung her, die zum größten Teil exportiert wurden.

1930 beschäftigte „die Reform“ rund 40 Mitarbeiter. Die Firma war Lehrbetrieb für die Ausbildung zum Kunsthorn- und Gummidreher. Gefertigt wurde nach Muster, nicht nach Zeichnung, auf einfachen Drehbänken und Revolverdrehbänken. Außenkonturen wurden später auch geschliffen. Ein Füllhalter bestand aus 26 Einzelteilen. Ein Mitarbeiter produzierte in der Woche rund 120 Stück.

Als Rohstoffe wurden Hartgummi, Galalith und gehärtetes Celluloid nach einem Patent der Firma Dietz und Böttcher aus der Hahnmühle bei Pfungstadt verarbeitet.


Die Belegschaft beim Betriebsausflug etwa 1940

Bis 1940 wurden die Maschinen noch über Transmission angetrieben. Antriebsgerät war ein Einzylinder-Dieselmotor, der auch über Generator den Gleichstrom für die Beleuchtung lieferte. Um 1940 hatte der Betrieb mit etwa 100 Arbeitern und Angestellten seinen höchsten Beschäftigungsstand erreicht. Ausgeliefert wurde nicht über den Großhandel, sondern Vertreter förderten den Export des „Worldpen“ in ganz Europa, in Mittelamerika und in Asien. 99 v.H. der Erzeugnisse gehen ins Ausland. In einzelnen Ländern kommt die Marktführerschaft der Reform einer Monopolstellung gleich. Im Elsaß entstand ein Zweigbetrieb.

„Die Reform“ wurde in den 1930er Jahren als Musterbetrieb ausgezeichnet und wurde 1938 „Gausieger“ im Berufswettbewerb. In Deutschland war die Reform weit weniger bekannt als auf dem Weltmarkt. Im Krieg erlitt das Unternehmen schwere Einbrüche.

Wilhelm Crößmann, der 1933 in „der Reform“ seine Ausbildung als Kunsthorn- und Gummidreher begonnen hatte, gründete nach dem Kriege einen eigenen Fertigungsbetrieb in Nieder-Ramstadt. Seinesgleichen gab es mehrere ehemalige Reform-Mitarbeiter, die damit in Klein- und Kleinstbetrieben die Füllfederhalterproduktion im Odenwald verbreiteten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte nicht mehr an die wirtschaftlichen Erfolge der Vorkriegszeit angeknüpft werden. Neue, billig im Spritzgußverfahren hergestellte Schreibgeräte verdrängten mehr und mehr die wertvollen, handwerklich gefertigten Füllhalter und Drehbleistifte. 1956 wurde der Betrieb geschlossen.

1958 übernahm die Firma Rodenhäuser aus Ober-Ramstadt die Liegenschaften der Reform und verlegte ihre Schreibgeräte-Produktion hierher.

Die Autoren:

Karl Dehnert †
Karl-Heinrich Schanz
(nach Befragung von
Jakob Reiß
Josef Ihle)





Das Logo der Nachfolgefirma „Ero“ Rodenhäuser