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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 9. Okt 2011

 

 

 


 

Nieder-Ramstadt im 18. Jahrhundert (3)

Autor:
Karl Dehnert †



Mühltals Mühlen (und Bäcker):




 

Österreich und Preußen hatten im Februar 1792 ein Schutzbündnis gegen das revolutionäre Frankreich abgeschlossen und drohten mit einer Invasion. Darauf erfolgte im April die Kriegserklärung Frankreichs an Österreich. Der Vormarsch der verbündeten Armeen wurde durch die Kanonade von Valmy gestoppt. Die Franzosen zwangen das Koalitionsheer zum Rückzug über den Rhein. Ende Oktober nahmen sie unter Marschall Custine Mainz und hatten damit das gesamte linke Rheinufer besetzt. Sie drangen über den Rhein vor, brandschatzten Frankfurt und eroberten die Wetterau.

1793 wurde Mainz von den verbündeten Armeen zurückerobert, doch war 1794 das linke Rheinufer wieder im Besitz der Franzosen. 1795 sah erst die Franzosen, dann die Kaiserlichen im Vorteil. Truppendurchzüge beider Parteien bürdeten der Bevölkerung schwere Lasten auf. Die Müller, die wegen ihres Mehlhandels über Pferdegespanne verfügten, wurden am stärksten zu Spanndiensten herangezogen. Im Winter 1794 mußte Holz für den Palisadenbau vom Mönchbruch nach Mainz gefahren werden. Im April 1795 wurden 20 Pferde angefordert. Fouragefuhren. Verwundetentransporte waren im folgenden Jahr auszuführen. Im August 1796 erreichte eine französische Formation Darmstadt und belegte Stadt und Land mit einer ungeheueren Kontribution.

Die Gemeinde war in großer Geldnot. Am 28. Oktober 1796 »sind bey Müllermeister Christof Spieß wegen gemachter Kriegskosten aufgenommen worden l 000 Gulden«. Sehr eindrucksvoll schildert der damalige Oberschultheiß Sparschneider in einem im Gerichtsbuch niedergeschriebenen Situationsbericht im September 1796 die Verhältnisse:

»Der unglückselige Krieg mit den Franzosen erhob sich im Jahr 1792, wurde von Seiten der Deutschen mit wenig Glück geführt. Die Franzosen drangen überall vor, brachen 1795 im October übern Rhein, überschwemmten alles, wurden aber, nachdem die Kaiserlichen lange Zeit über 100 000 Mann stark bei Arheilgen gestanden, durch den General Eberhart total und mit großen Verlusten zurückgeschlagen. Allein die Franzosen raubten, plünderten bei der Retirade alles, hausten wie die ärgsten Barbaren, schändeten Mägde und Frauen, ohne Ansehen der Person noch Alter. Durch diesen Krieg wurde Nieder-Ramstadt auch sehr geängstigt. An der Grenze drüben aufm Sand saß im September 1795 die ganze sächsische Armee 9000 Mann stark im Lager, nahm Kartoffel - Kraut - Rüben und alles mit Gewalt weg, und that dem Ort sehr großen Schaden. Dieser unglückselige Krieg wurde im Jahr 1796 annoch fortgeführt, aber leider zum äußersten Unglück unserer, die ganze deutsche Armee, die auf der Höhe bei Bergen (bei Frankfurt) stund, retirierte den 19. Juli, aus unserer Gegend weg bis an und über die Donau, bei welcher Retirad Nieder-Ramstadt auch wieder viel litt. Und den 21. Juli waren die Franzosen schon in Darmstadt, sahen das Land als erobert an und die Obergrafschaft Cazenelnbogen ohne Epstein mußte 1 Million Brandschatzung, 10 000 Malter Frucht, 200 Reit- und 200 Zug-Pferdte mit Geschirr, und 1 000 Stück Rindvieh den Franzosen liefern. Hiervon mußte der Ort ein ansehnliches an Geld, Frucht und Vieh tragen, wird dieses der Nachkommenschaft von mir dem Fürstlichen Oberschultheiß Sparschneider aus diesem Grund niedergeschrieben, um zu sehen, wo die Schulden herkommen.

Die Franzosen blieben in der Gegend bis den 8ten Sept. 1796. Das Amt mußte ihnen auch alle Tage 100 Schanzer geben, die gegen Maynz an der Gustavsburg Schanzen errichten mußten und man dachte an keine Rettung von Seiten der Deutschen mehr als solche ganz unvermuth den 6ten September bei Aschaffenburg die Franzosen schlugen, übern Main brachen alles was noch von den Franzosen da war gefangen nahmen oder niederhieben und uns also vor dismal retteten und so stunds am 9ten September 1796, wie es weiter geht weis Gott.

Die Deutschen verfolgten ihren Sieg, jagten die Franzosen über die Lahn, und wir kamen bei der Retirade ohne weiteres Unglück davon, allein im Oberfürstentum, besonders im Amt Nidda haußten die Franzosen fürchterlich, schossen in Lisberg den Pfarrer und 25 Mann todt, setzten sich bei Gießen und erpreßten alles was nur auszubringen war und nun mußten wir täglich fourage und brodt zur Kaiserlich Armee liefern, am 22. September.«

Damit schließt der Bericht.

Im Oktober 1797 schloß Österreich den Frieden von Campo Formio, wobei es das linke Rheinufer an Frankreich abtrat. Preußen hatte sich schon 1795 mit Frankreich arrangiert. Die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt schloß 1799 mit Frankreich eine Neutralitätskonvention. Für die verlorenen linksrheinischen Gebiete wurde Landgraf Ludwig X. (1790 - 1830) beim Reichsdeputationshauptschluß 1802 entschädigt. Die Kriegskosten, die Nieder-Ramstadt zu tragen hatte, sind in einem gebundenen Heft mit 142 Seiten fein säuberlich zusammengestellt, betrugen für die Jahre 1792 bis 1798 insgesamt 40179 Gulden 7 Albus.

Zur Deckung der von der Gemeinde aufgebrachten Kosten wurden vier Kredite von insgesamt 4200 Gulden, die mit 4 % verzinst werden mußten, aufgenommen. Davon liehen die Ortsbürger Justus Bender und Jakob Pfaff der Gemeinde 2 700 Gulden. Es gab also damals in Nieder-Ramstadt auch wohlhabende Bürger.