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Geschichte Waschenbach

Stand: 12.07.2011

 

 

 


 

Infrastruktur und Soziales

Infrastrukturmaßnahmen

Straßenbau und Straßenunterhaltung waren eine ständige Belastung für die Gemeinde. Oft war auch von Brückenbau oder Brückenerweiterung die Rede. 1829 wurde der alte „Vicinalweg“ nach Nieder-Ramstadt durch eine Straße ersetzt. Ständige Herausforderungen waren Wasserversorgung und Straßenbeleuchtung.

1844 wurde eine neue Brunnenstube gebaut mit folgenden Kosten:


Wasserleitung 23.30 fl
1 gusseiserne Brunnenrohr 237.55 fl
Brunnentrog und Auslaufstock 39.- fl
Auf- und Zuwerfen 8.25 fl
Kies 2.- fl
1 Klafter Mauersteine 3.30 fl


Zusätzlich weiterer Kleinbeträge kostete die Unternehmung 343 Gulden (fl), 40¼ Kreuzer (Xr). Die Brunnenstube befand sich am Ende der oberen Ortsstraße etwa gegenüber dem Anwesen Nr. 37 auf dem Gelände des Hofguts.

1860 wurde ein Schritt zur allgemeinen Wasserversorgung gemacht. Es wurden 120 Röhren angeschafft für 300 Gulden und diese 62½ Tage lang verlegt, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für mehrere Ortsbürger. Die Finanzierung geschah unter anderem mit einem Darlehen von Johannes Poth I über 500 Gulden.

Weitere markante Jahre für die Verbesserung der Wasserversorgung waren 1900, 1939 und 1953.

Schritte zur allgemeinen Straßenbeleuchtung wurden 1887 begonnen. Beleuchtet wurde mit Petroleum. Dies war eine kleine Geschäftsgrundlage für Justus Keller aus der Alleestraße 5. Er betrieb u.a. einen Handel mit Petroleum, Dochten, Fidibussen, usw. So lieferte er z.B. 1889 an die Gemeind
e Petroleum und Dochte für die Straßenbeleuchtung 4,42 Mark“.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Toten nach Nieder-Ramstadt gebracht, auf dessen alten Friedhof bei der Evangelischen Kirche. Dieser wurde allerdings am 27.6.1897 geschlossen. Schon vorher waren Bestrebungen im Gange, einen Friedhof in Waschenbach zu errichten. Dafür wurden z.B. 1896 bereits 1678,50 Mark ausgegeben. Die Planungen betrieb der Großherzogliche Geometer I. Klasse Battenfeld, der auch im September 1900 einen Friedhofsplan erstellt hatte. Eingeweiht wurde der neue Friedhof 1899. Einer der ersten Waschenbacher, der hier beerdigt wurde, war Johannes Adam (1825 – 1905) aus der Ortsstraße 17.

Feldbereinigung

Eine erste Feld- bzw. Flurbereinigung hatte um 1810 stattgefunden. Nach vielen Jahrzehnten war die Waschenbacher Flur z.B. durch Erbteilungen wieder sehr aufgesplittert. In den Jahren 1887 bis 1893 machte man sozusagen im Rahmen einer weiteren „großen“ Feldbereinigung Nägel mit Köpfen. In Verbindung damit konnten auch Wege reguliert und Wassergräben eingerichtet werden.

Natürlich lagen oft unterschiedliche Interessen vor. Um allzu große Ungerechtigkeiten zu vermeiden, wurde das Amt des Feldgeschworenen eingerichtet. Ludwig Adam (Ortsstraße 17) und Philipp Merz (Ortsstraße 19) gehörten in Waschenbach dazu.

Erst durch diese Feldbereinigung kam der Klockert in Waschenbacher Besitz: Für 9000,- Mark wurde er 1892 der Gemeinde Ober-Ramstadt abgekauft.

Faselvieh

Aus dem Jahr 1826 ist der Viehbestand bekannt: 12 Pferde, 2 Fohlen, 56 Kühe, 16 Rinder, 65 Schweine, 19 Schafe und 7 Ziegen. Diese Tiere mussten gezeugt werden. Dafür war das Faselvieh zuständig, also die Vatertiere, die die Gemeinde hielt bzw. halten ließ, denen die örtlichen Viehhalter ihre weiblichen Tiere zuführen konnten. In Waschenbach standen zeitweise ein Faselschwein, der Eber oder „Watz“, und ein Ziegenbock „zur Verfügung“. Ob ein Zuchtbulle gehalten wurde, ist nicht bekannt.

Im Rechnungsbuch ist 1879 vom Ziegenbock die Rede; Adolf Kindinger hat ihn für 10 Mark pro Jahr versorgt. Vorher wurden die Waschenbacher Ziegen wahrscheinlich nach Nieder-Ramstadt geführt. 1884 bekam Peter Kindinger immer noch 10 Mark. 1927 erhielt Philipp Schneider II eine Entschädigung von 70 Mark. Bei ihm stand der Bock bis nach dem 2. Weltkrieg. Für den damaligen Bürgermeister von Waschenbach war es immer eine besondere Pflicht, einen leistungsfähigen Ziegenbock zu ersteigern. Noch 1913 zahlte Waschenbach 300 Mark an Nieder-Ramstadtfür die Mitbenutzung des Faselviehs“, worunter wohl der Zuchteber zu verstehen war.

Wahrscheinlich mit dem Übergang zur völligen Selbständigkeit hatte Waschenbach nicht nur einen eigenen Bürgermeister, sondern auch einen eigenen „Watz“. Dieser stand bei Johannes Poth II auf dem Hofgut, und die Gemeinde zahlte dafür 500 Mark (denselben Betrag erstattete die Gemeinde übrigens auch dem neuen Bürgermeister Philipp Schneider II als Aufwandsentschädigung). 1924 erhielt Johannes Poth II nur noch 400 Mark (das Geld hatte nach der Inflation 1923 einen höheren Wert). Den gleichen Betrag bekam 1927 Peter Krämer, der den Zuchteber übernommen hatte. Den Ziegenbock hielt in diesem Jahr Philipp Schneider II für 70,- Mark (Dort stand er noch ca. 20 Jahre später).

Waschenbach auf der Jagd

Der Gedanke ist gewöhnungsbedürftig, dass sich die Gemeinde um das Fangen und sogar Töten von Tieren kümmern musste, um Schaden abzuwenden. Jedenfalls bekam 1855 Georg Eichhorn aus Ober-Beerbach 150 Gulden für das Wegfangen von Maulwürfen“. 1910 legte Polizeidiener Becker Mäusegift, und 1912 erhielt Jagdpächter Joh. Rau aus Ober-Ramstadt 25 Mark, weil er 8 Raben, 4 (Eichel-)Häher und 5 Eichhörnchen erlegt hatte. 1914 war sein Erfolg noch größer: 8 Eichhörnchen, 14 Raben, 8 Häher.

Auch Forstwart Georg Roß aus Nieder-Ramstadt war 1913 erfolgreich: Für das Erlegen von 51 Eichhörnchen, 3 Raben und 6 Hähern zahlte die Gemeinde 25 Pfennig das Stück, also zusammen 15 Mark.

Bedürftige und Fürsorge

Im 19. Jh. gab es in Deutschland noch nicht das soziale Netz wie heute. Arme und Kranke kamen oft in schwierige Situationen. Vielfach war die Gemeinde „Auffangstation“. Hier einige Beispiele:

1844 war die arme Ehefrau des Jakob Becker gestorben. Waschenbach sprang für die Kosten ein:

für Sarg 5 Gulden
zum Friedhof nach Nieder-Ramstadt fahren 0.4 Gulden
Beerdigungskosten 7.44 Gulden

Im gleichen Jahr war der Ortsdiener Georg Müller in Not geraten, weil sein Wohnhäuschen eingestürzt war. Er bekam unentgeltlich einen Kiefernstamm. Der „arme“ Adam Müller erhielt „allerlei Holz unentgeltlich“, weil seine Frau sehr krank dalag. Nicht näher bezeichnete Unterstützung gab es

1879 für Hilfsbedürftige 81,63 Mark
1904 für Christine Dieter 52,- Mark.

Oft musste sich die Gemeinde um den Transport kranker Menschen kümmern:

1887 Polizeidiener (Justus) Keller erhielt 3,- Mark für die Begleitung der Maria Dietz (Ortsstraße 32) nach Heppenheim
1907 Überbringung der Eheleute Georg Stephan in die „Provinzial Pflegeanstalt Eberstadt“ kostete 160,- Mark

Häufig haben sich auch Waschenbacher Bürger engagiert, die dafür von der Gemeinde eine Entschädigung erhielten:

1850 Adam Dieter II für Verköstigung (2 Monate) seines Bruders Philipp 6 Gulden
1851 Adam Stephan für die Verpflegung und Erziehung der unehelichen Kinder
Wilhelm Becker und Konrad Keller 13 Gulden 20 Kreuzer

Das Armenhaus

Schon früh gab es in Waschenbach auch eine dauerhafte Einrichtung zur Unterbringung der Armen, das Armenhaus. Es wurde 1827 gebaut mitten auf der Straße mit einer Doppelhaustür“. Es stand auf dem heutigen „freien Platz“ vor dem Waschenbacher Hof. 1849 musste die damals vorhandene Trauerweide mit einer Kiefernstange für 14 Kreuzer gestützt werden. Am 9.12.1908 ist das Armenhaus abgerissen worden. Die letzten Bewohner waren Georg Stephan (blind“) und Christine Dieter, Raths genannt“, wie Jakob Krauß vermerkte. Dazu passt eine Erinnerung von Elfriede Kauer an ihren Opa Philipp Schneider II:

Im Armenhaus wohnte die alte Frau Raths. Zum Bettgehen entkleidete sie sich bis aufs Hemd. Das hatten die jungen Burschen um Philipp Schneider II mitbekommen. Sie nutzten die Gelegenheit, um Frau Raths mit Brühe der roten Beete aus einer Luftpumpe zu bespritzen“.

Es verblieben einige Jahre der Dorfbrunnen und die Weide. Hans Adam (Ortsstraße 17) erinnert sich, dass in seiner Jugend das Wasser des Brunnens eifrig genutzt wurde:
Die Frauen holten es für die Küche, die Männer für den Stall und das Vieh“.

1926 wurde an dieser Stelle ein Kriegerdenkmal gebaut.

Autor:
Dr. Heinz Schuchmann






Das Armenhaus in der Ortsmitte mit Dorfweide und Dorfbrunnen (etwa 1908). Rechts das Haus Ortsstraße 17
der Familie Adam.



Das Kriegerdenkmal auf dem Standort des ehemaligen Armenhauses



Der Klockert im Frühling 2009 mit dem Waschenbacher Industriegebiet im Vordergrund