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Geschichte > Waschenbach > frühe Vereine

Stand: 30.11.2011

 

 

 


 

Gesangverein Sängerlust

Seit Beginn des 19. Jh. war das Volkslied wieder populär geworden. Unter den Menschen kam auch immer stärker der Wunsch auf, Geselligkeit und Gemeinschaft zu pflegen. In Gesangvereinen konnte diesem Streben nachgegeben werden. In unserem Ort wurden diese Ideen 1887 in die Tat umgesetzt. Der damalige Lehrer Karl Rauch gab die Anregung. Unter dem Motto

Dem Wahren, Guten, Schönen soll unser Lied ertönen“

schlossen sich am 5. (oder 6.) Januar 31 „sangesfrohe Männer“ in dem Männergesangverein Sängerlust zusammen, darunter 17, die auch vier Jahre vorher die Freiwillige Feuerwehr gegründet hatten. Einige von diesen wiederum waren auch an anderer Stelle in das öffentliche Leben eingebunden. Bemerkenswert auch, dass sich in starken Maße die Landwirte eingebracht haben. Aus sieben Bauernhöfen kamen aktive Vereinsmitglieder. Der erste Präsident war sieben Jahre lang bis 1894 Andreas Müller III.

Gründungsdirigent war Lehrer Karl Rauch, allerdings nur bis zum November 1887. Er war nach Eschollbrücken versetzt worden, hat aber den Kontakt zu Waschenbach nicht abreißen lassen. Noch beim 25jährigen Jubiläum der Sänger wurde er zum Ehrendirigenten ernannt. Der Vorstand wurde in den ersten Jahren gebildet vom Präsidenten und Dirigenten. Erst ab 1904 gab es einen breiteren Vorstand mit 1. und 2. Vorsitzenden, Rechner und Beisitzern.

Weitere Präsidenten bzw. 1. Vorsitzende waren

Nov 1894 – Nov 1895 Wilhelm Geyer
Nov 1095 – Nov 1898 Leonhardt Krämer
Nov 1898 – Dez 1899 Andreas Müller IV 138
1900 – 1903 Wilhelm Geyer
1904 – 1905 Andreas Müller IV
1906 Ludwig Harnischfeger II
1907 – 1908 Johannes Wembacher IV
1909 Johannes Krichbaum
1910 – 1912 Ludwig Adam

Die Dirigenten wurden ohne Ausnahme von den Waschenbacher Lehrern gestellt, lediglich Martin Sames stand 1903/04 nicht zur Verfügung. Wahrscheinlich waren die Lehrer auch als Schriftführer tätig. Die Originalprotokolle der ersten Jahre sind nicht mehr vorhanden, aber 1895 hat Georg Lortz die vorherigen Jahre nachgeschrieben, danach bis 1912 schrieb Philipp Karl Knecht die Protokolle. Wahrscheinlich ging dann sein Interesse am Gesangverein verloren, weil er 1911 eine neue „Liebe“ gefunden hatte, nämlich den Turnverein. Nur in dessen Protokollen kann man noch spärliche Hinweise auf die Sänger finden.

Schon in ihrem Gründungsjahr haben die Sänger ihr Können auch im Ort demonstriert. Im „Odenwälder Boten Nr. 73“ vom 10.9.1887 finden wir darüber eine kleine Notiz: Die Familie Frank hat das Haus Ortsstraße 18 besessen. 1842 ist Christoph Frank im Brandkataster genannt. Noch im Jahr 1865 werden die Franks dort aufgeführt. Der glückliche Fund der Vereinsfahne im Juli 2009 macht es möglich, über weitere sängerische Aktivitäten berichten zu können; im Protokoll der ersten Jahre ist nur von Mitgliedern und Finanzen die Rede.

An der Fahnenstange angebracht waren mehr als zwanzig Schleifen, die die Sängerlust als Gast von Nachbarvereinen mitbrachte. An einigen Schleifen hat der Zahn der Zeit stark genagt, die meisten sind gut erhalten und lesbar. Diese Schleifen bezeugen, dass vermutlich kein anderer Verein der Gemeinde solche überörtlichen Kontakte hatte. Es wurden Stiftungsfeste, Jubiläen und Fahnen- bzw. Bannerweihen besucht. Bereits ein Jahr nach Gründung fühlten sich die Sänger fit genug zu einem ersten Auftritt. Es wurde das 25. Stiftungsfest des Vereins besucht, mit dem offenbar auch in späteren Jahren noch besonders enge Beziehungen bestanden, nämlich der „Harmonie Nieder-Ramstadt“ am 17./18. Juni 1888.

Bis 1912 waren die Sänger praktisch regelmäßig unterwegs, bei dreizehn Vereinen in zehn Gemeinden, und zwar

Nieder-Ramstadt: Harmonie (1888), Freudschaft (1899)
Ober-Ramstadt: Harmonie (1904), Sängerlust (1911), Eintracht ( ? )
Eberstadt: Frohsinn (1894)
Nieder-Modau: Liederkranz (1906)
Ober-Modau: Eintracht (1906)
Nieder-Beerbach: Frohsinn (1893)
Ober-Beerbach: Eintacht (1893)
Frankenhausen: Deutscher Liederkranz ( ? )
Ernsthofen + Herchenrode: Sängerlust ( ? )
Wembach + Hahn: Liederkranz ( ? )


Im Jahr 1912 gab es außerdem einen Auftritt anlässlich der Einweihung des Kriegerdenkmals in Nieder-Ramstadt.

Bemerkenswert ist, dass auch zwei Schleifen aus den Jahren existieren, zu denen die Sängerlust längst in den Turnverein aufgegangen war: Zum 25jährigen Jubiläum der Harmonie Ober-Ramstadt am 5./6./7. Juli 1924 und zum 60jährigen Jubiläum des Liederkranzes Frankenhausen am 27./28. Juni 1925. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Männerchor aus Waschenbach aufgetreten ist. Seit vor dem 1. Weltkrieg sind keine Aktivitäten mehr bekannt, es gab keinen Dirigenten mehr. Eher hat der Turnverein 1911 die Feste der Sänger besucht, von denen er eine Erinnerungsschleife mitbrachte.

Gut erhalten und wegen seiner Größe auffällig ist eine Schleife, die die Sänger zu ihrem eigenen 25jährigen Jubiläum im Jahr 1912 erhalten haben. Diese ist von den „Frauen und Jungfrauen“ des Vereins überreicht worden. Der Text lautet:

Gewidmet zum 25jährigen Jubiläum von Frauen und Jungfrauen Waschenbachs 1887 – 1912.

Das Jubeljahr

Ein Höhepunkt im Vereinsleben war die Fahnenweihe im Jahr 1896. Ausführlich wird darüber in einer eigenen Vereinschronik berichtet. An dieser Stelle soll nur eine Kurzfassung gegeben werden.

Die Fahnenweihe wurde praktisch ein Jahr lang begangen. Schon am 19. Januar gab es eine Abendunterhaltung mit Gesang und mehreren Theaterstücken. Es wurde gleichzeitig des 25. Jahrestages der „Errichtung des Deutschen Kaiserreichs“ gedacht. Am 16. Februar (Fastnachtssamstag) fand eine 2. Abendunterhaltung statt mit neuen Theateraufführungen. Darbietungen von Liedern waren inbegriffen. Eine 3. Abendunterhaltung gab es noch am 6. April (Ostersonntag). Auch der Ausflug an Pfingsten nach Frankenhausen stand im Zeichen der Fahnenweihe. Das große Fest selbst war vom 13. bis 15. Juni. Zum Abschluss des Jubeljahres gab der Verein am 1. November (Reformationstag) noch ein Konzert in der Kirche zu Nieder-Ramstadt, „eine Glanzleistung“, wie Lehrer Knecht im Protokoll vermerkt hatte.

Die Fahne

Die Bonner Fahnenfabrik hat die Fahne angefertigt. In einem Vertrag vom 8. März wurde deren Ausführung genau festgelegt. Sie sollte die Inschrift tragen

In Freud und Leid zum Lied bereit“

Weiter hieß es beispielsweise: In der Mitte ein in echter Seide gestickter, mit den Flügeln schlagender und schwimmender Schwan, auf seinem Rücken eine aus halbechtem Gold (nicht imitiert Gold) gestickte Lyra tragend, umgeben von einem in natürlichen Farben und aus echter Seide gesticktem Eichenkranz, dessen Blätter in mannigfachen Schattierungen ausgeführt sein müssen und wozwischen sich goldgestickte Eicheln befinden. Und „Die Fahne muß 1½ m lang und 1⅓ m breit werden.“

Sogar eine Konventionalstrafe von 5 Mark/Tag bei verspäteter Lieferung war vereinbart worden. Die Kosten der Fahne beliefen sich auf 290,- Mark. Eingetroffen war sie am 7. Mai.

Im Juli 2009 hat der Autor einen Hinweis auf vergessene Instrumente des Spielmannszugs bekommen, die sich in einem Schrank auf dem Speicher der ehemaligen Schule befinden könnten. Der Tipp war ein Volltreffer. Die Freude war jedoch umso größer, als auch dabei die alte Fahne der Sängerlust Waschenbach wiederentdeckt wurde: Etwas vermodert, etwas von Motten angegriffen, aber in allen Einzelheiten noch so, wie 1896 beschrieben. Wer mag sie an diesen Ort gerettet haben?

Das Fest

Der ganze Ort war tatsächlich auf das Prächtigste geschmückt, von Anfang bis Ende in einem herrlichen Fichtenhain. Den Höhepunkt erreicht die Schmückung bei den drei …. Ehrenpforten“.

Der Programmablauf war:

Fackelzug und Böllerschießen samstagsabends 9½ Uhr
Weckruf und Böllerschießen sonntagsmorgens um 5 Uhr
Frühschoppenkonzert sonntags 10 – 11 Uhr
Festzug sonntags mittags 2½ Uhr
Anschließend Festkonzert mit 11 (!) Nachbarvereinen vor über 2000 Personen bis abends ½10
Dann Festbälle bei „Christoph Schneider“ und „Zum Odenwald“
Weiteres Frühschoppenkonzert montags 10 Uhr
Nochmals Festzug montags 2 Uhr und Konzert der Kapelle Bund aus Fränkisch-Crumbach

Reden

Patriotische Reden wurden gehalten. Die Begrüßungsrede hielt Andreas Müller III anstelle seines „leidenden“ Vaters, des Gründungspräsidenten. Fräulein Christine Adam hielt eine Rede zur Weihe und machte die Übergabe. Für die eigentliche Festrede war Pfarrer Weigel aus Nieder-Ramstadt gewonnen worden.

Pfarrer Weigel: 25 Jahre lang haben die Sänger den Waschenbachern Vergnügen bereitet. Sie veranstalteten Abendunterhaltungen, Weihnachtsfeiern und Bälle. Sogar Vereinsausflüge wurden organisiert, so z.B. 1898 zum Niederwalddenkmal, zweimal 1899 und 1909 nach Heidelberg, 1900 nach Wiesbaden. Man besuchte Veranstaltungen von Nachbarvereinen und nahm an Sängerwettstreiten teil.

Mit dem Erscheinen des Turnvereins 1911 und dem groben Einschnitt des 1. Weltkriegs ist den Sängern wahrscheinlich die Begeisterung an organisierter Vereinsaktivität abhanden gekommen. Im Turnverein hat ihre Tradition noch lange nachgelebt.

Autor:
Dr. Heinz Schuchmann