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Sehenswert

Stand: 09.06.2009






















Die Restaurierung der Schäfer-Orgel

Autor:
Dr. Johannes Weber
Initiator der Orgel-Restaurierung und Gründer des Fördervereins



Der nebenstehende Beitrag ist mit Genehmigung dem Heft des Katholischen Pfarramtes Nieder-Ramstadt zur Einweihung der restaurierten Orgel 1991 entnommen


Ein steiniger Weg zur Restaurierung eines musikalischen Denkmals


Wenn man in die Kirche St. Michael eintritt, so kommt man in einen schlichten modernen Raum, der aber insgesamt sehr ansprechend wirkt. Blickt man dann zur Orgelbühne empor, so ist man erstaunt, dort eine prächtige Barockorgel zu sehen. Man fragt sich dann, wie kommt diese Orgel hierher und möchte gerne etwas über die Geschichte dieser Orgel wissen.

Diese Orgel wurde von Johann-Nikolaus Schäfer im Jahre 1723 für eine Pfarrkirche in Dieburg erbaut. Wie damals für eine Pfarrkirche üblich, baute Schäfer ein einmanualiges Instrument mit Pedal. Dieser Orgelbauer hatte sich durch seine solide und von der musikalischen Qualität her gesehen hervorragende Arbeit einen Namen gemacht, der weit über seinen Haupttätigkeitsbereich Starkenburg hinausging. So wurde er vom Hofe in Darmstadt als Orgelbaumeister für die Provinz Starkenburg privilegiert.

Im Jahre 1844 wurde nun diese Orgel nach Lengfeld in die dortige Simultankirche verkauft und kam neben die auf der Orgelbühne stehende Orgel der evangelischen Gemeinde zu stehen. Beide Orgeln erhielten dann einen dunkelgrünen Anstrich. Im Laufe der Jahre wurden - wie besonders in der Zeit der romantischen Musikrichtung - Veränderungen an der Orgel vorgenommen, die aber die wesentliche Substanz unberührt ließen. Daß nicht entscheidende Veränderungen erfolgten, hatte sicher auch finanzielle Gründe. So ist ja oft der Finanzmangel für die Erhaltung alten Kulturgutes ein Glücksfall gewesen. Durch vielleicht mangelndes Interesse oder Verständnis oder durch Geldmangel wurde auch die immer notwendige Wartung des Instrumentes vernachlässigt, so daß die Orgel mehr und mehr verkam.


Ein Sanierungsobjekt eingekauft . . .


In diesem sehr reparaturbedürftigen Zustand kauften wir die Orgel. Der alte Bestand von 8 Registern sollte um 5 neue Register erweitert werden auf dann insgesamt 13, um die Klangvielfalt zu erhöhen. Diese Erweiterung war aber nur eine Ergänzung bzw. Komplettierung, denn auf der alten Schleiflade standen ursprünglich auch 13 Register. In einem zweiten Bauabschnitt wurde dann ein zweites Werk mit einem zweiten Manual angebaut, um dem Organisten die Möglichkeit der Darstellung der fast gesamten Orgelliteratur zu geben. Entsprechend wurde auch die Pedalklaviatur erweitert.

Alle diese Arbeiten, die auch beträchtliche Summen gekostet haben, mußten von der Pfarrgemeinde finanziert werden. Die Spendenfreudigkeit und Opferbereitschaft war groß. Bei der Zusammenstellung der Rechnungen mußten in diesen Jahren des stufenweise vorgenommenen Ausbaus fast DM 80.000.-- aufgewendet werden.

Im Laufe der Jahre stellte sich aber heraus, daß die Reparaturen und der Ausbau der Orgel nicht geglückt waren. So zeigten sich doch bald Mängel der Spielbarkeit, die von Jahr zu Jahr immer gravierender wurden, ein Beweis dafür, daß Reparaturen nur bedingt einen Dauererfolg bringen und Ergänzungen oder Zubauten zu einem Werk mit einem original ausgewogenen Konzept mehr schaden als nützen können. Es war aber auch eine Zeit, in der man noch nicht die alten bewährten Bauprinzipien anwandte. Schon dadurch war die Zuverlässigkeit des Gesamtwerkes gefährdet.


Die Reparaturen waren nicht befriedigend


Der schlechte Zustand der Orgel war offensichtlich und festgestellt. Das weitere Vorgehen wurde beraten und ein Orgelausschuß gegründet, dem Herr Merkel, Herr Schärer, Herr Kubny, Herr Eckmann und Herr Dr. Weber angehörten. Zunächst wurde eine gründliche Reparatur ins Auge gefaßt und entsprechende Orgelbaufirmen zu Rate gezogen. Diese sollten nach Prüfüng des Orgelwerkes einen Kostenvoranschlag erstellen. Die Kosten sollten sich danach auf DM 100.000.-- bis über DM 250.000.-- belaufen. Durch Gründung eines Orgelbauvereins kamen schon die ersten Gelder zusammen. Bevor wir uns aber entschließen konnten, einen Auftrag zur Reparatur zu erteilen, zogen wir den Orgelsachverständigen der Diözese Mainz und den Orgelsachverständigen der evangelischen Kirche zu Rate. Beide rieten von einer Durchreparatur dringend ab und machten den Vorschlag einer Restaurierung mit entsprechender Rückführung auf den Zustand von 1723. Übereinstimmend waren die Gutachter der Ansicht, daß es sich bei dieser Orgel um ein musikalisches Denkmal von hohem Wert handelt, das dem Besitzer dieses Instrumentes praktisch die Verpflichtung auferlege, dieses Kulturgut der Nachwelt zu erhalten. Es sei ein seltener Glücksfall, daß der größere Teil des Hauptwerkes mit dem hervorragenden Prospekt und der Subbaß des Pedals von 1723 erhalten blieben und von hoher Qualität seien. Nur bei sehr wenigen Orgeln ist dies zu finden und diese Orgel hat von allen noch vorhandenen Schäferorgeln mit Abstand die meiste Substanz. Außerdem ist sie die älteste Orgel aus dem 18. Jahrhundert im Raume Starkenburg.

Es wurden also wieder Firmen gebeten und Kostenvoranschläge zur Durchführung der Restaurierungsarbeiten im obigen Sinne eingeholt. Viele Gespräche mit den verschiedensten Firmen, Überlegungen, wie die Finanzierung durchzuführen sei usw. folgten. Nur der, der mit der Materie befaßt war, kann ermessen, wie unendlich viel Kleinarbeit außer den Sitzungen und Fahrten zu Firmen usw. erforderlich waren.


Eine „Generalsanierung“ war unausweichlich


Wie aber dieses Projekt mit den damit verbundenen Kosten den Gemeindemitgliedern nahebringen, wo sie doch vor nicht allzu langer Zeit schon einmal für die Orgel tief in die Tasche greifen mußten? Die Spannweite der Reaktion auf die Vorstellungen, die der Orgelausschuß der Gemeinde machte, ging von völliger Ablehnung bis zaghafter Zustimmung. Manche wollten die alte Orgel überhaupt loswerden und eine neue kaufen, die aber nicht viel kosten dürfe, weshalb am besten wohl eine sogenannte elektronische Orgel in Frage käme. Es war nicht so ganz einfach, die Gemeinde davon zu überzeugen, daß der Weg, den die Gutachter vorschlugen, der bessere sei.

Nachdem der Orgelausschuß die Vorschläge der Firmen geprüft hatte, wobei die Firma Förster und Nikolaus ins Auge gefaßt wurde, die Sachverständigen diese Firma auch für kompetent in Restaurierungsarbeiten hielten und der Ausschuß der Meinung war, den Ratschlägen der Sachverständigen Folge zu leisten, war nur noch die vielleicht schwerste Frage zu klären: Wie soll das alles finanziert werden? Es war zu klären: Wer kommt als Geldgeber in Frage? Zunächst wollten wir die Einstellung und evtl. Hilfeleistung der Diözese Mainz ausloten und verabredeten uns mit Herrn Dr. Schotes, dem Baudirektor der Diözesanverwaltung. Herr Pfarrer Dr. Calic, Herr Merkel und ich führen nun nach Mainz. Hinzu kam Herr Dannoritzer als Sachverständiger. Wir trugen unser Vorhaben dem Herrn Baudirektor vor, der aber schon über die Qualität der Orgel orientiert war. Seine Aussage war: Für die Anschaffung einer neuen Orgel gibt die Diözese keine Gelder. In unserem Falle aber, bei dem es sich um ein historisch sehr bedeutsames Instrument handelt, kann die Diözese bei einem bisher veranschlagten Gesamtkostenaufwand von fast DM 200.000.-- bis DM 80.000.-- Zuschuß gewähren. Das stärkte unsere Hoffnungen und beflügelte unsere Bemühungen. Die kommunale Gemeinde, große Firmen, kleine Betriebe beteiligten sich und unzählige private Spenden gingen ein, nachdem wir in vieler Kleinarbeit unser Vorhaben klargelegt hatten.

Die Firma Förster & Nicolaus bekam nun den Auftrag, die Orgel zu restaurieren auf der Basis ihres Kostenvoranschlags, der als bindend vereinbart wurde und sich auf DM 145.000.-- belief. Bevor aber die Orgel zur Restaurierung abgebaut wurde, war noch die Frage des Rundfensters mit der Darstellung des St. Michael zu klären. Viele, besonders auch verständlicherweise diejenigen, die beim Bau der Kirche in den Jahren, in denen das Geld knapp war - die Katholiken waren ja auch zum großen Teil Flüchtlinge - unter Entbehrungen die Kosten für das Fenster aufgebracht haben, wollten, daß es auch vom Kirchenraum sichtbar bliebe und nicht durch die Orgel verdeckt würde. Schließlich aber waren auch diese Gemeindemitglieder einverstanden, daß die Orgel vor das Fenster gestellt werde. Dabei wurde ihnen versprochen, das Fenster von innen her bei Eintritt der Dunkelheit zu beleuchten bis zu einer bestimmten Uhrzeit, um so von außen das Fenster hell er leuchtet sehen zu können, besser, als es meist von innen zu sehen ist. Außerdem hätte die Orgel wie bisher auf der Seite der Orgelbühne infolge des neuen Blasebalges keinen Platz mehr gefunden.


In der Farbe von Ochsenblut . . .


Die Restaurierung im einzelnen zu beschreiben erübrigt sich. Sie ist in dem Bericht der Orgelbaufirma dargestellt. Nur über das Gehäuse müssen noch einige Worte gesagt werden. Nachdem in der Orgelbauanstalt das Gehäuse ausgebessert wurde und für den präzisen Einbau des Orgeiwerkes kleine Korrekturen vorgenommen waren, begann der Maler seine Arbeiten schon in der Werkstadt in Lich mit Ablaugen und Abschleifen. Nach Aufstellen der Gehäuseteile in der Kirche mußte die endgültige Farbfassung des Orgelgehäuses festgelegt werden. Da in der Zeit, in der die Orgel gebaut wurde, die Gehäuse sehr dunkel gehalten waren - unsere Orgel war schwarzbraun - eine Angleichung der Farbe an die übrigen Farben in der Kirche nicht passend schien und wir uns außerdem auch an die Auffassung der früheren Zeit halten wollten, entschieden wir uns für Ochsenblutfarbe, bei der sich die Pfeifen besonders gut absetzen und die auch einen guten Kontrast zur braunen Holzdecke der Kirche abgibt. Aber auch schon diese relativ geringe Arbeit im Vergleich zur Gesamtrestaurierung erforderte Hin- und Hertelefonate, mehrfaches Probestreichen und wieder in der Kirche ansehen usw. Auch die Schleierbretter mußten neu vergoldet werden. Es zeigte sich nämlich, daß diese irgendwann einmal das Gold verloren haben und nur mit Goldbronze gestrichen wurden. Der Malermeister Langner, der die Arbeiten ausführte, bezeichnete es als Kirmesbudengold.

Nun stehen wir in der Kirche und schauen uns die Orgel an. Wir erkennen die rote Färbung des Gehäuses und davon hell abgesetzt die silberfarbenen neuen großen Pfeifen seitlich des Mittelbaus, die jetzt aus hochwertiger Zinnlegierung bestehen, wogegen die alten Pfeifen aus Zink, dem gleichen Material wie die meisten Dachrinnen, gefertigt waren. Die alten Zinnpfeifen mußten nämlich im ersten Weltkrieg abgeliefert werden. Die Pfeifen im Mittelbau sind dunkel und aus der Zeit der Erbauung der Orgel, also von 1723, und stellen das Hauptwerk dar.

Nun fragt man, warum hat man diese denn nicht blank poliert? Das wäre eine nie wieder gutzumachende Schandtat an den Pfeifen gewesen, denn man hätte die gesamte Patina herunternehmen müssen, womit die Qualität der Pfeife erheblich gelitten hätte. Gerade das Alter einer Pfeife mit den durch die Bespielung entstehenden Veränderungen geben den unverwechselbaren und edlen Ton. Je mehr eine Orgel gespielt wird, desto edler wird ihr Klang


Die Luft - elektrisch oder vom Balgtreter


Gehen wir auf die Orgelbühne und betrachten uns die Orgel von hinten, sehen wir zwischen Orgel und Fenster einen großen „Kasten". Dies ist die Balganlage, aus der die Pfeifen ihre Luft beziehen. Die bisherige Orgel hätte einen Magazinbalg, der elektrisch betrieben wurde. Jetzt handelt es sich um sogenannte Keilbälge, die sowohl elektrisch als auch mit einem sogenannten Kalkanten in Funktion treten können, d.h., die Lufterzeugung für die Pfeifen kann genau so wie vor 270 Jahren mit einem Balgtreter erfolgen, was - und deshalb wurde es auch so gemacht - eine bessere Tonqualität gibt.

So ist durch gemeinsame Bemühungen vieler Gemeindemitglieder, durch Opferbereitschaft in materieller Hinsicht und oft mit großem Zeitaufwand in unserer Kirche ein für die Musikwelt bedeutsames Musikinstrument wieder aus der Asche erstanden und der Nachwelt erhalten geblieben. Wir sind als seine Wächter aufgerufen und bestellt, eine Verantwortung, der wir wohl alle gerne nachkommen in der Kenntnis dieses Zeitdokumentes.

Wie sehr eine solche Sache zu einer Herzensangelegenheit werden kann, zeigt z.B. die Tatsache, daß Herr Josef Merkel, der bis zu seinem Tode in der Orgelkommission mitgearbeitet hat, testamentarisch verfügt hät, daß statt Blumenspenden zu seiner Beerdigung Spenden für die Restaurierung der Orgel gewünscht sind.